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Lisa und der kleine Drache

In England lebte einmal ein Landvermesser mit seiner Frau und seinen sieben Kindern. Er war nicht besonders reich und er mußte jede Arbeit annehmen, die er fand. Einmal mußte er ganz oben im Norden ein paar große Stücke Land ausmessen: viel Arbeit, er würde lange Zeit im Norden bleiben müssen. Also beschloß er, seine Frau und seine sieben Kinder mitzunehmen. Als sie oben im Norden ankamen, suchten sie zuerst einmal ein kleines Haus, um drin zu wohnen. Aber alle Häuser waren schon bewohnt, und keiner wollte ihm eins verkaufen. So ging er schließlich ins Wirtshaus und fragte den Wirt, ob der nicht wüßte, ob hier jemand ein kleines und billiges Häuschen verkaufen wollte. "Haus weiß ich dir keines", sagte der Wirt. "Die sind alle schon bewohnt. Aber natürlich kannst du im alten Schloß wohnen." Und dabei lachte er. "Das heißt natürlich nur, wenn du dich nicht vor dem Drachen fürchtest." Und dann lachte er wieder. Der Landvermesser aber hatte keine Wahl, und von Drachen hatte er bisher noch nie gehört, darum fürchtete er sich auch nicht vor ihnen. Deshalb fragte er den Wirt: "Und wo finde ich den Besitzer vom alten Schloß?" "Ganz einfach, der wohnt gleich dort vorn, am Ende der Dorfstraße!" 
Der Landvermesser ging also mit seiner ganzen Familie zu dem Schloßbesitzer, um ihn zu fragen, ob sie wirklich alle in seinem Schloß wohnen könnten. Der Schloßbesitzer, ein alter Mann mit eisgrauen Haaren, zog ein paarmal an seiner Pfeife und machte ein verwundertes Gesicht. "Schon sehr, sehr lange hat im Schloß niemand mehr gewohnt", sagte er nachdenklich. "Aber wenn ihr wollt, dann könnt ihr es schon probieren. Das heißt natürlich, wenn ihr euch nicht vor dem Drachen " "Fürchten wir uns nicht, fürchten wir uns nicht!" rief Lisa, das jüngste Kind vom Landvermesser. Sie hatte das Gespräch mit dem Wirt mit angehört und sie war sehr, sehr neugierig auf alle Drachen. 
Also zogen sie ein. Das Schloß war wirklich schon sehr alt, ziemlich viel war zu reparieren und sehr viel zu putzen. Alle putzten, und Lisa putzte ganz besonders eifrig und kroch in alle Winkel und Ecken. Sie wollte unbedingt als erste den Drachen finden. Aber da war nichts. Kein Drache weit und breit. Und eines Tages, endlich, war es dann soweit. Jedes Kind hatte sein eigenes Zimmer, und dann waren immer noch viele Zimmer leer, so groß war das Schloß. Jedes Kind lag in seinem Bett in seinem Zimmer, und alle waren wach und paßten auf, wer wohl als erster den Drachen sehen würde. Aber nichts geschah. Kein Drachen kam. In der Früh kamen sie alle zusammen in der riesengroßen Schloßküche zum Frühstück. Keiner hatte etwas von einem Drachen gesehen, und alle waren sehr enttäuscht. Der Landvermesser ging arbeiten, die Kinder gingen alle in die Schule, und die Mutter kümmerte sich um den Gemüsegarten. Am Abend waren sie alle wieder zu Hause, und alle hofften, daß sie jetzt endlich den Drachen sehen würden: das heißt, eigentlich nicht alle, denn die Eltern meinten, sie kämen ganz gut auch ohne Drachen zurecht. Aber die Kinder hofften es sehr, am meisten Lisa. Die Nacht verging, und nichts geschah. Der dritte Tag verlief nicht anders, der vierte ebenso, und nach einer Woche seufzte Lisa beim Frühstück: "Ich glaube, das mit dem Drachen war einfach nur so eine Geschichte!"
Drei Wochen vergingen so, Lisa dachte schon längst an keinen Drachen mehr. Es war Vollmond, Lisa lag im Bett und konnte nicht einschlafen, weil das Mondlicht trotz der dicken Vorhänge ihr Zimmer in ein silberweißes Licht tauchte. Von nebenan hörte sie es fürchterlich schnarchen. Sie klopfte an die Wand und klopfte noch einmal, weil ihr Bruder nicht reagierte. Schließlich kam ihr Bruder herüber. Er rieb sich die Augen und fragte: "Was ist denn?" Und von nebenan kam noch immer dieses Schnarchen. 
Die beiden schauten sich an. Dann schlichen sie sich vorsichtig auf den Gang hinaus und schauten in alle Zimmer hinein. In jedem Zimmer lag ein Kind und schlief ruhig und friedlich, keines schnarchte, und ihre Eltern schnarchten auch nicht. Wo kam das nur her?



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